Predigt

zum Gedenken an den 20. Juli 1944
mit Johannes 19,1–5 – „Seht, welch ein Mensch!“ und dem
Motiv der Dornen: „Da haben die Dornen Rosen getragen“


„Da haben die Dornen Rosen getragen.“
Liebe Gemeinde hier am 20. Juli 2026, diese Zeile aus dem Adventslied hat Caroline Lauscher zu einem Kunstprojekt angeregt. Mich hat nun dieses Kunstprojekt zu meiner Predigt in diesem Jahr angeregt. Sie kennen ja gewiss das alte Adventslied – Maria durch ein Dornwald ging. Benedikt Reidenbach hat es uns eben auch noch einmal ins Ohr gelegt. Es erzählt von
Dornen, Dornen, die kahl und tot sind. Seit sieben Jahren haben sie nicht einmal mehr Blätter getragen. Doch als Maria mit dem Kind unter ihrem Herzen hindurchgeht, geschieht Unfassbares: Die Dornen beginnen zu blühen. Die Dornen tragen Rosen.


Ein Hoffnungsbild finde ich, liebe Gemeinde: ein starkes Adventsbild, ein Bild dafür, dass Gott ins Leben kommt, dass Gott Leben schafft, wo Menschen nur Elend und Trostlosigkeit sehen können. Heute, am 20. Juli, klingt das besonders. Denn heute denken wir an Menschen, deren Wege tatsächlich durch mehr als nur Dornen führte. Wir denken an Frauen und Männer des Widerstands gegen den Nationalsozialismus, an Menschen aus Ihren Familien, an Menschen, die hier in Plötzensee oder an anderen Orten ermordet wurden und an viele andere, bekannte und unbekannte Menschen, die ihrem Gewissen folgten und Widerstand leisteten – und die das oft mit dem Leben bezahlen mussten. An sie erinnern wir hier unter den Galgen von Plötzensee – Sie waren nicht auf Rosen gebettet. Sie entschieden sich für einen Weg durch Dornen.


Auch die Lesung für diesen Gottesdienst erzählt von Dornen. Pilatus lässt Jesus geißeln. Die Soldaten flechten eine Krone aus Dornen, setzen sie Jesus auf den Kopf, legen ihm einen Purpurmantel um, verspotten ihn als König. „Sei gegrüßt, König der Juden! – und schlugen ihm ins Gesicht.“ Dann führt Pilatus Jesus hinaus und ruft den Versammelten diesen entscheidenden Satz zu: „Seht, welch ein Mensch!“ – ecce homo – idou o anthropos – Seht DER Mensch – der Mensch an sich – dieser Mensch schlechthin – der Mensch mit einer Dornenkrone. Die Dornen sind mehr als grausame Folter. Sie werden zum Zeichen einer Welt, die das Gute verspottet, die die Wahrheit lächerlich macht, die Macht über Recht stellt,
die Menschen erniedrigt. Die Dornen sagen: So behandelt die Welt die Menschen, sogar einen Gerechten. Die Dornenkrone als Parodie auf eine Königskrone macht Jesus lächerlich. Doch gerade darin geschieht Grundlegendes. Johannes erzählt diese Szene so, dass die Zuhörer erkennen sollen: Gerade dieser verspottete Mensch ist in Wahrheit König. Nicht trotz der Dornen – mitten in den Dornen. Gerade die Dornen machen ihn zum König.


Ich glaube, darin liegt auch eine Wahrheit über den 20. Juli. Die Männer und Frauen des Widerstands waren keine Heldinnen und Helden ohne Fehler. Manche hatten selbst den Nationalsozialismus zunächst begrüßt. Manche kamen spät zum Widerstand. Manche waren Soldaten und wussten um die Härte des Krieges. Und doch kam ein Augenblick, in dem sie erkannten: So kann es nicht weitergehen. So darf es nicht weitergehen.
Das Gewissen wurde stärker als die Angst.
Die Wahrheit stärker als die Karriere.
Die Verantwortung stärker als der eigene Vorteil.
Sie griffen nicht nach einer Krone und schon gar nicht nach einer Dornenkrone. Aber sie wussten: Wer sich dem Unrecht entgegenstellt, wird Dornen tragen müssen. Und sie hatten dabei sehr bewusst ein Ziel. Alfred Delp beschrieb das wenige Monate vor seiner Ermordung hier in Plötzensee: „Es sollen einmal andere besser und glücklicher leben dürfen, weil wir gestorben sind.“ Das war das Ziel! „Es sollen einmal andere besser und glücklicher leben dürfen, weil wir gestorben sind.“ Da höre ich nicht Worte der Verzweiflung. Da sehe ich Rosen mitten im Dornwald. Und Dornen bleiben Dornen. Auch blühende Rosen haben Dornen. Und doch tragen sie Blüten der Hoffnung. Ein Wunder der Natur – ein Wunder des Glaubens.


Auch das Adventslied erzählt ja nicht eine romantische Geschichte. Es behauptet vielmehr: Wo Christus in die Welt kommt, bleibt der Dornwald nicht derselbe. Und das nicht weil plötzlich alles gut wird. Sondern weil Gott mitten im Leid eine andere Wirklichkeit eröffnet. Vielleicht ist das auch die tiefste Bedeutung der Dornenkrone Jesu. Sie macht das Leid nicht schön – überhaupt nicht! Sie verwandelt auch Gewalt nicht in etwas Gutes. Aber sie zeigt: Gott geht dorthin, wo Menschen leiden. Gott selber trägt Dornen. Darum, liebe Gemeinde, darum glaube ich, können Dornen Rosen tragen. Nicht aus eigener Kraft. Sondern weil Gott in Christus die Dornen getragen hat.


Aber nun erinnert der 20. Juli ja nicht nur an Geschichte. Er fragt jedes Jahr aufs Neue. Wo wachsen heute Dornen?
Wo werden Menschen verspottet?
Wo wird Wahrheit verdreht?
Wo wird Macht über Menschenwürde gestellt?
Und wo braucht es Menschen, die ihrem Gewissen folgen?
Nicht jede:r von uns wird vor Entscheidungen stehen wie die Widerstandskämpfer:innen von 1944. Aber ich glaube, jede:r kennt diese kleinen Versuchungen: des Schweigens, des Wegsehens, des Mitlaufens, des Denkens: Was kann ich da schon machen?


So beginnt ein Dornwald oft ganz unscheinbar – und nicht nur in der vermeintlichen Satire von angeblichen Kabarettisten. An manchen Stellen ist er inzwischen unübersehbar geworden. Die bevorstehenden Landtagswahlen in diesem Jahr sind dabei, ein ziemlicher Dornwald zu werden. Da werden gehäkelte Rosen allein nicht ausreichen – auch wenn sie wirklich ein wichtiges Hoffnungszeichen sind – genau wie der Gemeinsame Apell Haltung zu zeigen, den Sie in der vergangenen Woche veröffentlicht haben. Denn so beginnt doch auch Gottes Hoffnung – oft unscheinbar, mit kleinen Knospen, mit einem Wort, mit einem Widerspruch, mit einer ausgestreckten Hand, mit Menschen, die sich nicht beugen.


Am Ende steht Pilatus vor der Menge. Neben ihm Jesus. Mit der Dornenkrone. Mit Purpurmantel. Verwundet und geschlagen. Und Pilatus ruft: „Seht, welch ein Mensch!“ – Seht, der Mensch schlechthin! Ich habe diesen Satz noch einmal neu gehört, gelesen, liebe Gemeinde. Seht den Menschen. Nicht den Mächtigen. Nicht den Sieger. Nicht den Lautesten. Seht den Menschen – den verletzlichen Menschen, den leidenden Menschen, den Menschen, dessen Würde selbst unter einer Dornenkrone nicht verloren geht. Und ich höre darin auch den Ruf an uns, Menschen zu sein, Menschen zu bleiben, Menschen zu schützen. Margot Friedländer hat uns das ja so eindrücklich immer wieder ins Stammbuch geschrieben: „Seid Menschen!“ Seid Menschen, damit aus Dornen nicht immer neue Dornen wachsen – sondern – in Gottes Gegenwart – Rosen.


Caroline Lauschers Kunstwerke bringen das kraftvoll zum Ausdruck: Menschen können gemeinsam Hoffnungszeichen schaffen – selbst wenn es nur eindrucksvolle Kunstwerke aus gehäkelten Rosen sind. Aber im Häkeln der Rosen haben sich Menschen immer wieder mit der Erinnerung und mit den Dornen auseinandergesetzt. Sie haben gemeinsam ein großes Hoffnungsbild geschaffen. So wie wir an dieser Hoffnung ja ohnehin nur gemeinsam bauen können. So wird die alte Liedzeile für mich zu einer Hoffnung auch für unsere Zeit: „Da haben die Dornen Rosen getragen.“ Nicht weil die Welt schon erlöst wäre. Sondern weil Maria mit Christus mitten durch den Dorn-wald gegangen ist. Und weil Menschen wie die
Widerstandskämpfer:innen des 20. Juli darauf vertraut haben, dass Wahrheit und Menschlichkeit stärker sind als Angst und Gewalt. Und weil wir das heute immer noch tun.
Lasst uns die Dornen unserer Tage zum Blühen bringen.
Amen.